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22. Tag
02. August 2002
Arzúa – Tabernavella – Boavista – Brea – Santa Irene – Lavacolla – San Marco – Monte del Gozo – Porta del Camino – Santiago de Compostela
Von Arzúa (E)

Die letzte, nur kurze Etappe ist geprägt von der Spannung und der Vorfreude auf unser langersehntes Ziel, Santiago de Compostela. Die Landschaften, die wir durchradeln und die Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke - so es sie überhaupt gibt - interessieren uns nicht. Uns interessiert nur Santiago de Compostela. Und tatsächlich, diese Stadt übertrifft mit ihrer unvergleichlichen Atmosphäre unsere kühnsten Erwartungen.

Im großen Strom der Fußpilger, in einem Fall auch begleitet von einem Packesel, gelangen auch wir mit unseren Fahrrädern zum großen Platz vor der Kathedrale, der Plaza Espaòa. Es ist kurz vor 12:00 Uhr und wir sehen, wie zahlreiche Pilger noch in letzter Minute versuchen, über die breite Freitreppe in die Kathedrale zu gelangen, um an der in mehreren Sprachen gehaltenen Pilgermesse teilzunehmen. (Wir werden die morgige Pilgermesse besuchen.) Die Kathedrale, das wohl bedeutendste Monument des gesamten Jakobsweges, beeindruckt uns sehr und endlich hier zu stehen nach all den Mühen und Strapazen, geht uns schon sehr nahe. Wir sind glücklich und zufrieden und auch ein wenig stolz. Glücklich sind wir vor allem, weil unsere Tour ohne Unfall verlaufen ist und stolz sind wir, weil wir es trotz der teilweise mörderischen Hitze oder der scheinbar nie enden wollenden Steigungen geschafft haben, unser Ziel in der vorgesehenen Zeit zu erreichen. Dass das keine normale Radtour war, sondern etwas ganz Besonderes, wird uns wohl erst später so recht bewusst werden.

Zum vollen Auskosten unserer Glücksgefühle kommen wir nicht. Eine ältere Dame tritt auf uns zu und bietet uns eine preiswerte Übernachtungsmöglichkeit im Zentrum der Stadt a n . Die Dame ist ziemlich hartnäckig, ja fest aufdringlich. Gerd gefällt dies ganz und gar nicht. Er ist skeptisch, was ihre Seriosität anbelangt. Wir beraten uns kurz und nehmen schließlich doch ihr Angebot an, zumal wir nicht wissen, ob wir bei der Masse der Pilger überhaupt eine Unterkunft bekommen. Bevor wir uns von der Dame zu ihrem Haus führen lassen, suchen wir noch das in unmittelbarer Nähe zur Kathedrale gelegene Pilgerbüro (Oficina de Peregrinos) auf. Unter Vorlage der Pilgerausweise und unter Angabe der Gründe für unsere Pilgertour (sportliche und religiöse) beantragen wir unsere Pilgerurkunden. Diese werden uns feierlich überreicht, nicht jedoch ohne dass man noch ausdrücklich unsere sportliche Leistung hervorhebt. Unsere Unterkunft befindet sich noch in der Altstadt am Fuß der mittelalterlichen Stadtmauer nicht weit weg von der Kathedrale. Wir bekommen zwei einfache aber saubere Doppelzimmer in einem Hinterhaus, deren Fenster auf eine ungenutzte Schreinerwerkstatt führen. Sie liegen in einer separaten Wohnung, die in der Semesterzeit wohl von Studenten benutzt wird. Wir benötigen diesmal zwei Doppelzimmer, denn wir erwarten heute Nachmittag Gerd's Sohn Fabian, der sich freundlicherweise bereit erklärt hat, uns hier mit dem PKW abzuholen.

Wir machen uns frisch für den Stadtbummel. Zur Feier des Tages kramt jeder noch seine besten "Klamotten" aus den Satteltaschen hervor. Während Gerd sich in einer typisch spanischen Barberia seinen 3-Wochen-Bart abrasieren lässt und Jürgen schon die ersten Andenken für seine Lieben daheim ersteht, ziehe ich es v o r , bei Rotwein und Serranoschinken vor einer Bar meine 25 - 30 Postkarten zu schreiben. Leider können wir uns heute Nachmittag nicht zu Dritt die Sehenswürdigkeiten von Santiago de Compostela ansehen. Gerd muss sich um Fabian kümmern, dessen Ankunft sich wahrscheinlich verzögert. Per Handy wird er Fabian auf einen bereits reservierten Parkplatz in der Nähe unserer Unterkunft lotsen. Jürgen und ich aber lassen uns treiben und tauchen ein in die Atmosphäre dieser außergewöhnlichen Stadt. Obwohl wir kein bestimmtes Ziel haben, führt uns unser Weg durch urige Gassen und über belebte Plätze entlang einzigartiger Bauwerke fast magisch zur Kathedrale. Hier herrscht ein unbeschreibliches Treiben. Scharen von Pilgern und Touristen bevölkern die Bars, Restaurants und die diversen Geschäfte (vor allem Devotionalienhändler) rund um die Kathedrale. Hier treffen wir vor einer Bar auch die beiden jungen spanischen Radpilger, mit denen wir gestern Mittag auf dem Dorfplatz in Palas de Rei ins Gespräch gekommen waren. Wir trinken mit ihnen zusammen ein Bier und tauschen unsere jeweiligen Erfahrungen und Erlebnisse während unserer Pilgerreise aus. Etwas wehmütig trennen wir uns von diesen beiden sympathischen Pilgern. Sie sind Studenten aus Madrid, und sie wollen noch heute Abend die Heimreise antreten. Ein Tag Santiago de Compostela mit dem Besuch der Pilgermesse reicht ihnen voll und ganz. Der Rummel hier ist ihnen einfach zu groß. Morgen werden wir zu einer ähnlichen Erkenntnis gelangen. Obwohl Santiago de Compostela noch Sehenswürdigkeiten für Tage zu bieten hätte, ist mit dem Besuch der Pilgermesse der Höhepunkt der Tour erreicht. Danach ist der Faden irgendwie gerissen. Man denkt schon mit Wehmut an Daheim. Und Gerd's weise Worte "Der Weg ist das Ziel" kommen einem dann voll zum Bewusstsein.

Zum Abendessen treffen wir uns mit Gerd und Fabian, der etwas verspätet, aber zum Glück wohlbehalten angekommen ist. In diesem Zusammenhang möchte ich noch erwähnen, dass wir Fabian zu größtem Dank verpflichtet sind. Was er geleistet hat ( c a . 5000 Kilometer in nur 3 Tagen) ist schon enorm. Also Fabian, vielen, vielen Dank. Das Restaurant, das wir - übrigens auf Anraten unserer Vermieterin - aufsuchen, wird von Pilgern und Studenten sehr geschätzt. Das Essen ist reichlich und dazu noch preiswert. Nicht nur wir nehmen hier heute Abend unser letztes Pilgermenü ein, auch Thomas Lennartz, den wir schon seit Tagen nicht mehr gesehen haben, sichten wir unter den vielen Gästen. Wollte er nicht schon einige Tage vor uns Santiago de Compostela erreichen? Etwas wollen und es dann auch umsetzen, sind schon zwei verschiedene Paar Schuhe. Wir jedenfalls haben das, was wir gewollt haben, auch umsetzen können, wobei uns das Glück und wahrscheinlich auch der hl. Jakob zur Seite gestanden haben.

Wir genießen noch den Abend und gehen zu später Stunde rundherum zufrieden zu unserem Quartier.

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